Key Lime Pie
Es gibt Essen. Vor meinem Fenster ist es dunkel. Der Mann neben mir schläft – oder spielt es ziemlich schlecht.
Ich esse den auf einem 42cm×24cm Tablett servierten Nachtisch meines Drei-Gänge-Menüs.
Ich hebe den Deckel an. Key Lime Pie.
Darunter klein gedruckt die Zutaten: Graham Crackers (Graham Flour, Sugar, Canola Oil, Corn Syrup, Honey, Baking Soda, Salt, Soy Lecithin), Condensed Milk, Lime Juice, Heavy Cream …
Ich drehe den Deckel um 45 Grad. Salt.
Alles was eine gesunde Nachspeise braucht.
Mit meinem weißen Plastiklöffel steche ich in die Creme. Sie ist so grün, dass Chirurgen damit im OP untertauchen könnten. Der Key Lime Pie, der meiner Definition nach kein Kuchen, sondern ein missverstandenes Sahnedessert ist, schmeckt hervorragend. Köstlich, denke ich. Aber die Farbe verfolgt mich.
Ich schaue wieder auf den Deckel. Mit zusammengekniffenen Augen lese ich: Salt. Heavy Cream…
Ich drehe den Deckel um minus 55 Grad. Lime Juice, Condensed Milk, (Soy Lecithin, Salt, Baking Soda, Honey, Corn Syrup, Canola Oil, Sugar, Graham Flour) Graham Crackers.
Kein Farbstoff. Kein E-irgendwas. Kein Fachwort, wofür ich Wikipedia oder ChatGPT fragen müsste.
Und trotzdem: Diese Farbe ist viel zu unnatürlich. Nun gut, ich fliege aus den USA. Hier muss man vermutlich nicht alles auf die Verpackung schreiben. Ich nehme den nächsten Löffel der grandiosen, neonhellen Substanz. Aber eigentlich – wen interessiert’s? Es schmeckt.
Ich sitze in einer hochbeschleunigten Metallröhre, 10.668 Meter über dem Boden, mit 980 km/h unterwegs. Reise wortwörtlich um die halbe Welt – und bekomme ein warmes Drei-Gänge-Menü serviert.
Wie geil ist das bitte? Und ich mache mir Gedanken über Zusatzstoffe. Ich kratze die letzten Reste meiner vermutlich diabetesfördernden Zuckermasse aus dem Schälchen und lächle.
Ich liebe die Menschheit.